Vitiligo (Weißfleckenkrankheit) – Was empfiehlt die aktuelle Leitlinie?

Vitiligo (Weißfleckenkrankheit) – Was empfiehlt die aktuelle Leitlinie?

Zusammenfassungen der Leitlinien, Stand 11.09.2026

Patienteninformation nach der neuen deutschen S2k-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Vitiligo“, AWMF 013-093, Version 2.0, Stand Juli 2026. Sie ist bis 17.06.2031 gültig.

 

Was ist Vitiligo?

Vitiligo ist eine chronische Erkrankung des Pigmentsystems der Haut. Dabei entstehen milchig-weiße Flecken, weil pigmentbildende Zellen – die Melanozyten – verloren gehen. Die häufigste Form, die nicht-segmentale Vitiligo, wird heute als Autoimmunerkrankung verstanden: Das Immunsystem richtet sich gegen körpereigene Pigmentzellen. Neben Immunprozessen spielen auch genetische Faktoren und oxidativer Stress eine Rolle.

Vitiligo ist medizinisch nicht nur ein kosmetisches Problem. Sichtbare Flecken können Stigmatisierung, Ängste, depressive Beschwerden und erhebliche Einschränkungen der Lebensqualität verursachen. Diese Belastung soll deshalb ebenso ernst genommen werden wie die sichtbaren Hautveränderungen.

 

Wie wird die Erkrankung richtig untersucht?

Die Diagnose kann meist bereits durch die Untersuchung der Haut gestellt werden. Eine Wood-Lampe mit speziellem UV-Licht hilft, die weißen Areale besser sichtbar zu machen und ihre Ausdehnung und Aktivität einzuschätzen. Eine Hautprobe ist nur in besonderen unklaren Fällen notwendig.

 

Ein guter Hautarzt sollte außerdem feststellen, welche Form der Vitiligo vorliegt: die meist symmetrische nicht-segmentale Form, die einseitig auftretende segmentale Form oder eine zunächst noch nicht eindeutig zuzuordnende Form. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil Verlauf und Behandlung unterschiedlich sein können.

 

Auch die Ausdehnung und Aktivität sollten dokumentiert werden, möglichst anhand der betroffenen Körperoberfläche, eines standardisierten Scores und gegebenenfalls anhand von Fotos. Neu auftretende kleine „Konfetti“-Flecken, unscharfe Ränder oder neue Flecken nach Hautreizungen können Hinweise auf eine aktive Erkrankung sein.

 

Welche weiteren Untersuchungen sind sinnvoll?

Bei Diagnosestellung sollen aufgrund der engen Verbindung mit Autoimmunerkrankungen der Schilddrüse einmalig TSH und Antikörper gegen die Schilddrüse (anti-TPO) bestimmt werden. Bei Auffälligkeiten oder Beschwerden sind Verlaufskontrollen sinnvoll. Weitere Laboruntersuchungen auf andere Autoimmunerkrankungen sollten dagegen gezielt und nicht routinemäßig erfolgen.

 

Neu und besonders wichtig ist die Empfehlung, auch nach der psychischen und sozialen Belastung zu fragen. Lebensqualität, Ängste und depressive Beschwerden sollen in der Routineversorgung berücksichtigt werden.

 

 

Wie wird Vitiligo behandelt?

Die Therapie wird individuell nach Form, Aktivität, Ausdehnung, betroffenen Körperstellen, Alter und persönlicher Belastung gewählt. Gemeinsam sollte zunächst geklärt werden, ob das wichtigste Ziel die Stabilisierung der Erkrankung, die Wiederherstellung der Pigmentierung (Repigmentierung) oder beides ist.

 

Bei begrenzter Vitiligo können entzündungshemmende Cremes eingesetzt werden. Kortisonpräparate eignen sich insbesondere außerhalb von Gesicht und Hautfalten und sollen nur zeitlich begrenzt angewendet werden. Tacrolimus oder Pimecrolimus können vor allem an empfindlichen Stellen wie Gesicht und Hautfalten eingesetzt werden; bei Vitiligo handelt es sich dabei allerdings um eine Anwendung außerhalb der eigentlichen Zulassung („off-label“).

 

Eine wichtige Neuerung ist Ruxolitinib-Creme: Sie ist die erste speziell für Vitiligo zugelassene medikamentöse Therapie. Für Patienten ab 12 Jahren mit nicht-segmentaler Vitiligo und sichtbarer Gesichtsbeteiligung soll sie laut Leitlinie als Erstlinientherapie angeboten werden. Eine Repigmentierung benötigt Geduld und kann über viele Monate weiter zunehmen.

 

Bei stärker ausgedehnter, schnell fortschreitender oder auf Cremes nicht ausreichend ansprechender Vitiligo empfiehlt die Leitlinie eine Schmalband-UVB-Lichttherapie (NB-UVB). Sie wird typischerweise zwei- bis dreimal pro Woche über mindestens drei bis sechs Monate durchgeführt und regelmäßig kontrolliert.

 

Bei sehr schnell fortschreitender nicht-segmentaler Vitiligo kann vorübergehend eine sogenannte orale Minipulstherapie mit Kortison erwogen werden, um die weitere Ausbreitung zu stoppen. Sie muss wegen möglicher Nebenwirkungen ärztlich eng begleitet werden.

 

Bei seit mindestens zwölf Monaten stabilen, begrenzten und gegenüber anderen Therapien resistenten Flecken können in spezialisierten Zentren auch Transplantationsverfahren von Haut- oder Pigmentzellen infrage kommen.

 

 

Was kann ich selbst tun?

Vitiligohaut reagiert empfindlicher auf Sonne. Ein individuell geeigneter Sonnenschutz ist deshalb wichtig. Gleichzeitig sollte mit dem behandelnden Hautarzt abgestimmt werden, wie Sonnenschutz mit einer gegebenenfalls gewünschten Lichttherapie vereinbart wird. Die Leitlinie empfiehlt außerdem die reguläre Teilnahme am Hautkrebsscreening.

 

Mit Camouflage oder Korrektur-Make-up lassen sich sichtbare Farbunterschiede bei Bedarf ausgleichen. Professionelle Beratung kann dabei hilfreich sein.

 

Auch eigene standardisierte Fotos können helfen, Veränderungen zu erkennen und den Verlauf mit dem Arzt zu beurteilen. Vor allem aber gilt: Eine Behandlung der Vitiligo benötigt häufig mehrere Monate. Ein langsamer Beginn der Repigmentierung bedeutet daher nicht automatisch, dass eine Therapie wirkungslos ist. Gesicht und Hals sprechen meist besser an als Hände und Füße.

 

 

Wann sollte ich mich erneut an meinen Arzt wenden?

Insbesondere wenn rasch neue weiße Flecken entstehen oder bestehende Stellen deutlich größer werden, sollte die Vitiligo zeitnah erneut beurteilt werden. Eine schnell fortschreitende Erkrankung kann eine andere und intensivere Therapie benötigen als eine stabile Vitiligo.

 

Ebenso wichtig: Wenn die Erkrankung zu starker Unsicherheit, sozialem Rückzug, Ängsten oder depressiver Stimmung führt, sollte dies ausdrücklich angesprochen werden. Die neue Leitlinie empfiehlt frühzeitig psychosoziale Unterstützung und gegebenenfalls psychologische oder psychotherapeutische Hilfe.

 

 

Die wichtigste Botschaft der Leitlinie

Vitiligo sollte nicht mehr als eine Erkrankung angesehen werden, gegen die „man nichts machen kann“. Es stehen heute wirksame Möglichkeiten zur Verfügung, die Erkrankung zu stabilisieren und bei vielen Patienten eine Repigmentierung zu erreichen. Eine frühe Behandlung aktiver Vitiligo kann besonders wichtig sein. Gleichzeitig sollten Behandlungsziel und Aufwand gemeinsam mit dem Patienten festgelegt werden: Nicht jeder Patient möchte oder benötigt dieselbe Therapie. Die Leitlinie macht deshalb die gemeinsame Entscheidungsfindung ausdrücklich zu einem Bestandteil guter Versorgung.

Weitere Informationen

Besonders empfehlenswert ist der Deutsche Vitiligo-Bund e.V. Die Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, Selbsthilfeorganisationen frühzeitig als Anlaufstellen anzubieten. Auch psychosoziale Beratungsangebote sollen bei Bedarf früh vermittelt werden. Weitere Patientennetzwerke finden sich beim Netzwerk Autoimmunerkrankter (NIK e.V.).