Neurodermitis (Atopische Dermatitis) – Was empfiehlt die aktuelle Leitlinie?

Neurodermitis (Atopische Dermatitis) – Was empfiehlt die aktuelle Leitlinie?

Zusammenfassungen der Leitlinien, Stand Juni 2026

Patienteninformation nach der deutschen S3-Leitlinie Atopische Dermatitis, Stand 29.06.2026.

Die Leitlinie versteht Neurodermitis, atopisches Ekzem und atopische Dermatitis als Bezeichnungen derselben Erkrankung.

Was ist Neurodermitis?

Neurodermitis ist eine chronisch-entzündliche, nicht ansteckende Hauterkrankung. Typisch sind trockene Haut, wiederkehrende Ekzeme und oft starker Juckreiz. Ursache ist ein Zusammenspiel aus erblicher Veranlagung, einer gestörten Hautbarriere und Veränderungen des Immunsystems. Die Erkrankung verläuft meist in Schüben und kann in jedem Lebensalter auftreten. Sie kann Schlaf, Leistungsfähigkeit, seelisches Wohlbefinden und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.

 

Wie wird die Erkrankung richtig untersucht?

Die Diagnose wird vor allem durch Gespräch und Untersuchung der gesamten Haut gestellt. Dabei sollte der Arzt nach früheren Beschwerden, Erkrankungen in der Familie, Beruf, möglichen Auslösern sowie Begleiterkrankungen fragen. Dazu gehören insbesondere Heuschnupfen, Asthma und Nahrungsmittelallergien, aber auch psychische Belastungen.

Auch Juckreiz, Schlaf, Alltagsbelastung und Lebensqualität gehören zur Beurteilung.

Wichtig: Nicht jeder Mensch mit Neurodermitis braucht einen Allergietest. Ein ungezieltes „Allergie-Screening“ wird ausdrücklich nicht empfohlen. Allergietests sind sinnvoll, wenn die Krankengeschichte einen konkreten Verdacht ergibt.

 

Wie wird Neurodermitis behandelt?

Die Therapie richtet sich nach Alter, Schweregrad, betroffenen Hautstellen, Belastung und persönlichen Bedürfnissen. Die Leitlinie empfiehlt einen individuellen, möglichst schriftlichen Behandlungsplan.

 

Die Basis jeder Behandlung ist die Hautpflege. Rückfettende und feuchtigkeitsspendende Cremes oder Salben („Emollienzien“) sollen regelmäßig und auch in beschwerdearmen Zeiten verwendet werden. Nach Baden oder Duschen sollten sie möglichst direkt auf die noch leicht feuchte Haut aufgetragen werden. Duschen und Baden sollte eher kurz und mäßig warm erfolgen; alkalische Seifen sollten vermieden werden.

 

Bei entzündeter Haut muss die Entzündung behandelt werden. Hierfür sind Kortisoncremes und -salben bewährte und wichtige Medikamente. Werden sie in der richtigen Stärke, Menge und Dauer eingesetzt, sind sie eine sichere Therapie. Für empfindliche Stellen wie Gesicht, Hautfalten und Genitalbereich sowie zur längerfristigen Behandlung kommen insbesondere die kortisonfreien Calcineurinhemmer Tacrolimus oder Pimecrolimus infrage. Bei häufig wiederkehrenden Ekzemen kann eine sogenannte proaktive Therapie, beispielsweise zweimal wöchentlich an den gefährdeten Stellen, neue Schübe verhindern.

 

Bei mittelschwerer oder schwerer Neurodermitis reichen Cremes allein meist nicht aus. Dann können eine UV-Lichttherapie oder Medikamente, die im ganzen Körper wirken, notwendig werden. Heute stehen hierfür moderne Biologika wie Dupilumab, Lebrikizumab, Nemolizumab und Tralokinumab sowie die JAK-Hemmer Abrocitinib, Baricitinib und Upadacitinib zur Verfügung. Welche Therapie am besten geeignet ist, hängt unter anderem von Alter, Begleiterkrankungen und individuellen Risiken ab.

Eine neue, wirksame Therapiealternative speziell für die mittelschwere Neurodermitis ist Ruxolitinib Creme, die nach Versagen von Cortison-Präparaten eingesetzt wird.

 

Kortisontabletten sind keine Dauertherapie. Sie sollten allenfalls kurzzeitig bei schweren akuten Schüben eingesetzt werden; eine Behandlung über mehr als drei Wochen wird ausdrücklich nicht empfohlen.

 

Was kann ich selbst tun?

Eine konsequente Behandlung zwischen den Arztbesuchen ist entscheidend. Dazu gehören regelmäßiges Eincremen, schonende Hautreinigung und das Erkennen persönlicher Auslöser. Kratzige Textilien wie Wolle und Tabakrauch sollten gemieden werden. Körperliche Aktivität ist ausdrücklich erwünscht; Schwitzen kann zwar Juckreiz verstärken, ist aber kein Grund, Sport zu vermeiden. Auch Stress kann Schübe verstärken, sodass Stressbewältigung und bei Bedarf psychologische Unterstützung sinnvoll sein können.

 

Keine Diät auf Verdacht: Ein allgemeiner Verzicht auf Milch, Gluten oder andere Lebensmittel sowie Nahrungsergänzungsmittel und Vitamine werden zur Behandlung der Neurodermitis nicht empfohlen. Nur bei einer tatsächlich nachgewiesenen Nahrungsmittelunverträglichkeit soll das betreffende Lebensmittel gemieden werden – möglichst begleitet durch eine qualifizierte Ernährungsberatung.

 

Sehr empfehlenswert sind strukturierte Neurodermitis-Schulungen für Kinder, Eltern und Erwachsene. Sie vermitteln Hautpflege, richtige Anwendung der Medikamente, Umgang mit Juckreiz und Strategien gegen Schübe.

 

Wann sollte ich rasch einen Arzt aufsuchen?

Bei einer plötzlich starken Verschlechterung mit Bläschen, offenen schmerzhaften Stellen, Fieber oder ausgeprägtem Krankheitsgefühl muss an eine Herpesinfektion der Haut („Eczema herpeticatum“) gedacht werden. Sie muss unverzüglich antiviral behandelt werden. Auch großflächig bakterieninfizierte Ekzeme benötigen ärztliche Behandlung. Grundsätzlich ist aber jede stark belastende Verschlimmerung Grund für eine ärztliche Hilfe.

 

Die wichtigste Botschaft der Leitlinie

Neurodermitis ist heute in aller Regel gut behandelbar, und praktisch jedem Betroffenen kann geholfen werden. Ziel ist nicht nur eine bessere Haut, sondern möglichst wenig Juckreiz, guter Schlaf, normale Teilnahme an Alltag, Schule und Beruf und eine möglichst geringe Belastung durch die Therapie. Die Behandlung sollte gemeinsam mit dem Patienten ausgewählt und regelmäßig angepasst werden.

 

Weitere Informationen

NIK e.V., Deutscher Allergie- und Asthmabund (DAAB) sowie die Patienteninformationen der AWMF. Die Leitlinie nennt diese Patientenorganisationen ausdrücklich als Anlaufstellen für verständliche Informationen und Unterstützung im Alltag.

Gute unabhängige Informationen bieten das staatliche Gesundheitsportal gesund.bund.de, die Kampagne "Bitte berühren" der Dermatologen, sowie die Einzelberatung von NIK e.V.