Alopecia areata (kreisrunder Haarausfall) – Was empfiehlt die aktuelle Leitlinie?
Alopecia areata (kreisrunder Haarausfall) – Was empfiehlt die aktuelle Leitlinie?
Zusammenfassungen der Leitlinien, Stand 11.09.2026
Patienteninformation nach der deutschen S3-Leitlinie „Diagnostik und Therapie der Alopecia areata bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen“, AWMF 013-104, Version 1.1 vom 24.02.2026. Die Leitlinie ist bis voraussichtlich 17.09.2030 gültig.
Was ist Alopecia areata?
Alopecia areata ist eine Autoimmunerkrankung, bei der sich das Immunsystem gegen Strukturen der Haarfollikel richtet. Sie führt meist plötzlich zu einem nicht vernarbenden Haarausfall. Am häufigsten entstehen einzelne runde oder ovale kahle Stellen auf der Kopfhaut. Die Erkrankung kann sich aber auch ausweiten: Bei der Alopecia totalis gehen sämtliche Kopfhaare, bei der Alopecia universalis auch Augenbrauen, Wimpern und Körperhaare verloren. Die Haarfollikel werden dabei nicht wie bei vernarbenden Haarausfallerkrankungen dauerhaft zerstört, sodass ein Nachwachsen grundsätzlich möglich ist.
Alopecia areata ist nicht ansteckend und weit mehr als ein kosmetisches Problem. Gerade sichtbarer Haarverlust kann Selbstwertgefühl, soziale Kontakte, Schule, Beruf und Lebensqualität erheblich beeinträchtigen.
Wie wird die Erkrankung richtig untersucht?
Ein guter Arzt fragt zunächst nach Beginn und Geschwindigkeit des Haarausfalls, früheren Episoden, bisherigen Behandlungen und möglichen Begleiterkrankungen. Auch Autoimmunerkrankungen in der eigenen Familie sowie beispielsweise Neurodermitis, Asthma, Schilddrüsenerkrankungen oder Vitiligo sind von Interesse.
Untersucht werden nicht nur die kahlen Stellen, sondern die gesamte Kopfhaut, Körperbehaarung, Augenbrauen, Wimpern und Nägel. Der Arzt achtet außerdem darauf, ob Schuppung, Entzündung oder Narbenbildung auf eine andere Ursache des Haarausfalls hinweisen.
Besonders wichtig ist die Trichoskopie, eine schmerzlose Untersuchung von Kopfhaut und Haaren mit einem Auflichtmikroskop. Typische Zeichen sind beispielsweise sogenannte Ausrufezeichenhaare, schwarze oder gelbe Punkte und abgebrochene Haare. Auch ein Haarzupftest kann zeigen, ob die Erkrankung gerade aktiv ist. Eine Hautprobe ist normalerweise nicht erforderlich und wird vor allem bei unklaren oder atypischen Befunden vorgenommen.
Wie wird der Schweregrad bestimmt?
Die Leitlinie empfiehlt den SALT-Score. Er gibt an, wie viel Prozent der Kopfhaut ihre Haare verloren haben: unter 25 % gilt als mild, 25–49 % als moderat, 50–74 % als schwer und ab 75 % als sehr schwer. Zusätzlich müssen Haarverlust an anderen Körperstellen sowie Augenbrauen-, Wimpern- und Nagelbeteiligung berücksichtigt werden.
Welche weiteren Untersuchungen sind sinnvoll?
Die Leitlinie empfiehlt ein Screening auf Schilddrüsenerkrankungen mit TSH. Weitere Blutuntersuchungen richten sich bei Erwachsenen nach Anamnese und Befund; ein wahlloses großes „Haarausfall-Labor“ ist nicht sinnvoll. Bei Kindern und Jugendlichen sieht die Leitlinie ein breiteres Screening auf mögliche Begleiterkrankungen vor. Bei konkreten Hinweisen auf weitere Autoimmunerkrankungen soll gezielt untersucht werden.
Eine Suche nach Virusinfektionen ohne entsprechenden klinischen Verdacht wird ausdrücklich nicht empfohlen. Auch Pilzuntersuchungen sind nur sinnvoll, wenn der Verdacht auf eine Pilzerkrankung der Kopfhaut besteht.
Wie wird Alopecia areata behandelt?
Bei einer erst seit kurzer Zeit bestehenden, begrenzten Alopecia areata kann nach gemeinsamer Entscheidung zunächst abgewartet werden. Bei bis zu etwa der Hälfte der Patienten mit umschriebenem Haarausfall wachsen die Haare innerhalb eines Jahres auch ohne Behandlung wieder nach. Ein solches Vorgehen ist aber bei rascher Ausbreitung, starkem Haarverlust oder großer Belastung häufig nicht angemessen.
Bei leichter bis mittelschwerer Erkrankung sind Kortisonpräparate zur äußerlichen Anwendung eine wichtige Erstlinientherapie. Bei Erwachsenen können bei begrenzten Herden Kortisoninjektionen direkt in die betroffene Haut eingesetzt werden. Bleibt nach etwa drei Monaten jegliches Ansprechen aus, sollte die Behandlung überprüft werden.
Bei schwerer oder sehr schwerer Alopecia areata, rascher Verschlechterung oder erheblicher Einschränkung der Lebensqualität kann eine Behandlung notwendig werden, die im ganzen Körper wirkt. Bei Erwachsenen empfiehlt die Leitlinie eine solche Therapie insbesondere bei länger bestehender schwerer Erkrankung, schneller Progression oder großem Leidensdruck. Wenn eine Behandlung über sechs Monate nicht ausreichend wirkt, soll die Therapie neu bewertet und gegebenenfalls gewechselt werden.
Eine wesentliche moderne Therapie sind JAK-Hemmer. Die Leitlinie empfiehlt sie bei Erwachsenen mit schwerer oder sehr schwerer Alopecia areata. Baricitinib ist für Erwachsene zugelassen, Ritlecitinib bereits für Jugendliche und Erwachsene ab 12 Jahren. Diese Medikamente greifen gezielt in die fehlgeleitete Immunreaktion am Haarfollikel ein und können bei einem Teil der Patienten ein deutliches Nachwachsen der Haare bewirken.
Anmerkung zur aktuellen Situation in Deutschland: Das Deutsche Sozialgesetz verbietet bislang die Kostenerstattung von Medikamenten bei Alopecia areata. Alle vorgenannten Arzneimittel werden bei gesetzlich Versicherten nur in Ausnahmefällen erstattet.
Was kann ich selbst tun?
Eine ausgewogene Ernährung ist sinnvoll, aber Nahrungsergänzungsmittel sind keine Standardtherapie der Alopecia areata. Für Vitamin D, Biotin und zahlreiche andere häufig beworbene Präparate fehlt ein überzeugender Wirksamkeitsnachweis. Ein tatsächlich nachgewiesener Mangel sollte selbstverständlich gezielt behandelt werden.
Bei größerem Haarverlust sollte die unbehaarte Kopfhaut vor starker Sonne geschützt werden. Perücken, Haarteile, Tücher sowie kosmetischer Ersatz von Augenbrauen und Wimpern sind keine nebensächlichen Maßnahmen, sondern können Lebensqualität und Selbstvertrauen erheblich verbessern. Die Leitlinie empfiehlt ausdrücklich, alle Patienten unabhängig vom Alter frühzeitig über diese Möglichkeiten zu informieren.
Wann sollte ich mich erneut an meinen Arzt wenden?
Eine rasche Zunahme des Haarausfalls innerhalb von Tagen oder Wochen, Verlust von Augenbrauen oder Wimpern, deutliche Nagelveränderungen oder eine starke Beeinträchtigung der Lebensqualität sind Gründe für eine erneute ärztliche Beurteilung. Ebenso sollte nach spätestens sechs Monaten überprüft werden, ob die gewählte Therapie ausreichend wirkt.
Auch Angst, depressive Stimmung, sozialer Rückzug oder Stigmatisierung sollten ausdrücklich angesprochen werden. Die Leitlinie empfiehlt, alle Betroffenen über psychologische Unterstützung und Selbsthilfeangebote zu informieren; bei Depression oder sozialen Ängsten sollte eine psychotherapeutische Abklärung beziehungsweise Unterstützung angeboten werden.
Die wichtigste Botschaft der Leitlinie
Auch schwerer kreisrunder Haarausfall ist heute behandelbar. Während bei kleinen, frischen Herden spontanes Nachwachsen möglich ist, stehen für ausgeprägte Erkrankungen inzwischen gezielte moderne Therapien zur Verfügung. Entscheidend ist, die Behandlung nicht nur nach der Zahl der verlorenen Haare auszurichten: Lebensqualität, Augenbrauen und Wimpern, Nägel, Geschwindigkeit des Haarverlusts und persönliche Belastung gehören genauso zur Therapieentscheidung.
Weitere Informationen
Besonders empfehlenswert sind die Patienteninformationen der AWMF, der Deutschen Dermatologischen Gesellschaft (DDG) und Alopecia Areata Deutschland e.V. (AAD). Zu dieser S3-Leitlinie wurde ausdrücklich auch eine eigene Patientenleitlinie erstellt; Patientenvertretungen waren direkt an der Leitlinienentwicklung beteiligt.
Weitere Patientennetzwerke finden sich beim Netzwerk Autoimmunerkrankter (NIK e.V).